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Ein Nazi in den Pfahlbauten

Hans Reinerth im Pfahlbaumuseum.
Quelle: polaristen.de / Tom Stern

Die Biographie und der berufliche Werdegang von Hans Reinerth (1900-1990) bis 1945 ist durch zahlreiche, inhaltlich weitgehend übereinstimmende Quellen beleuchtet und durch Zeithistoriker umfassend aufgearbeitet (vgl. v.a. Bollmus 1970; Kater 1974; [1], zusammenfassend Wikipedia. Sie zeichnen das Bild eines zunächst sehr erfolgreichen Archäologen, der sich bei Ausgrabungen in Südwestdeutschland und den benachbarten Schweizer Kantonen durch neue Wege bei Grabungstechnik und Dokumentationsmethoden, dem Einsatz naturwissenschaftlicher „Hilfswissenschaften“, gepaart mit aggressiver Öffentlichkeitsarbeit, ein gewisses Ansehen erworben hatte [2]. Noch mehr zeichnete sich seine berufliche Karriere allerdings durch rücksichtslosen Ehrgeiz und ungehemmten Opportunismus aus. Die Universität Tübingen befand ihn 1932 in der Folge einer gegen seinen ehemaligen Lehrer gerichteten Intrige „als des üblichen Titels eines (…) Professors nicht würdig“ [3]. Die Reputation des strebsamen Jungakademikers war damit so beschädigt, dass seine berufliche Karriere beendet erschien.

Parteifunktionär und Täter

Dachbodenfund in einer Liegenschaft des Pfahlbaumuseums 1991 aus Ausstellung "Lebendige Vorzeit" 1937.
Quelle: polaristen.de / Tom Stern

In dieser Situation wurde Reinerth Mitglied der Nazi-Partei[4]. Seine Bereitschaft, die Interpretation und Darstellung von Bodenfunden[5] bedingungslos der Parteiideologie zu unterwerfen, Diffamierungen und Denunziationen von Fachkollegen („der überaus gewandte G. Bersu (Jude)“)[6] ebneten ihm den Weg in hohe Partei- und Staatsämter. Im Gleichschaltungsprozess von Altertumsvereinen, Museen und universitären archäologischen Einrichtungen bildete er eine zentrale Figur [7]. Im 2. Weltkrieg war Reinerth als Leiter des „Sonderstabes Vor- und Frühgeschichte“ im „Einsatzstab Reichleiter Rosenberg“ für Plünderungen und den Raub von Kulturgut verantwortlich. Nach eigenen Angaben hat er allein in der militärisch besetzten Ukraine Sammlungsbestände in über 300 Museen „gesichert“[8) und wurde so zum Täter in einem Verbrechen großen Stils[9). Nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ wurde Reinerth in einem Spruchkammerverfahren in die Gruppe der „Schuldigen“ eingeordnet[10]. Die sich neu organisierenden Prähistoriker aus der süd- und westdeutschen Forschung schlossen „den völkischen Vorgeschichtsforscher“ 1949 aus der Wissenschaftsgemeinde aus .[11].

Ein Lehrstück aus Nachkriegsdeutschland

Allerdings veränderten sich mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und dem Kalten Krieg die politischen und die juristischen Verhältnisse schnell und grundlegend.

Wahlplakat 1949.
Quelle: Wikipedia
Eines der ersten Gesetze der Adenauer-Regierung, das Amnestiegesetz von 1949, verhalf zahllosen Nazis und NS-Verbrechern zur Rückkehr in Polizei und Justiz [12-14]. 1953 hob das Justizministerium Baden-Württemberg das Spruchkammerurteil von 1946 auf [15]. Reinerth erscheint in der Urteilsbegründung nun als unerschrockener Kämpfer […]„gegen die phantastische Germanenlehre[…]“ [16]. Im Hintergrund steht, dass das Amt Rosenberg innerhalb des NS-Apparates in innerparteilichen Kämpfen stark mit dem „SS-Ahnenerbe“ Himmlers rivalisierte, woraus sogar ein Parteiauschlussverfahren gegen Reinerth resultierte. Auch die Ächtung Reinerths durch seine Fachkollegen 1949 ist in diesem Zusammenhang zu verstehen. Sie stellte durch die Stilisierung Reinerths als Einzeltäter nicht nur eine Fortsetzung der innerparteilichen Kämpfe, sondern auch einen Akt skrupelloser Selbstentschuldung dar [17]. Unter den Akteuren befanden sich zahllose SS-Leute und Nazi-Funktionäre, die ihre Karrieren fortan ungehindert fortsetzten. Als Resultat der "Entnazifizierung" der prähistorischen Forschung kann damit festgehalten werden, dass das prähistorische Fach 10 Jahre nach dem Krieg als gründlich renazifiziert gelten konnte.

Der Nazi im Pfahlbaumuseum

Reinerth blieb die Rückkehr in Forschung oder Denkmalpflege verwehrt. Er konnte aber das Freilichtmuseum in Unteruhldingen am Bodensee übernehmen, das er bis zu seinem Tod 1990 als "Museum deutscher Vorzeit" weiterführte. Die im "Dritten Reich" entwickelten Museumsinhalte und deren Präsentation wurden nach dem Krieg bestenfalls kosmetisch korrigiert [18]. Dem Erfolg des Museums schadete das nicht. Wir haben dem Nachfolger Reinerths, G. Schöbel, zahlreiche zeitgeschichtliche Darstellungen, darunter auch Schilderungen der Museumsjahre der Nachkriegszeit zu verdanken [19], sodass wir über die beständige Steigerung der Besucherzahlen und bald einsetzenden wirtschaftlichen Erfolg recht gut Bescheid wissen. Dies bedeutet auch, dass bis zu Reinerths Tod, in ungebrochener Tradition mit der Museumspolitik ab 1933, hunderttausende von Schulkindern weiterhin mit Nazi-Jargon und völkischen Inhalten indoktriniert wurden [20]. Vieles andere bleibt hingegen offen und teilweise auch widersprüchlich. Reinerth selbst ist den Anforderungen an wissenschaftliche Publikationen seiner archäologischen Geländearbeiten zeitlebens nur in Ansätzen gerecht geworden, sodass wir Auskunft über seine Unternehmungen in der Nachkriegszeit nur kursorisch und oft nur aus obskuren Quellen erhalten. Die Grundforderung jeder Wissenschaft, nämlich Nachvollziehbarkeit, erfüllen diese Dokumente nicht [21]. Dazu gehören etwa auch die Aktivitäten einer „Forschungsgruppe Bodensee“, zu denen wir lediglich Fotos am Ufer posierender Gerätetaucher sowie drei Unterwasseraufnahmen [22] kennen. Mit dieser „Forschungsgruppe“, die Reinerth aus einem seiner Netzwerke der Nazi-Zeit rekrutierte[23], wurde er Gründungsmitglied und erster Präsident des Verbandes Deutscher Sporttaucher VDST, der ihn bis heute als Ehrenpräsident führt [24).

Schlamm drüber?

Welche Rolle spielte Reinerth bei der Lähmung der Pfahlbauforschung am Bodensee [25] zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1970er Jahre? Ab den 1960er Jahren kam es in den Flachwasserzonen des Bodensees zu umfangreichen Baggerungen und zur Zerstörung unschätzbar wertvollen archäologischen Kulturguts [26]. Warum wurde die Denkmalpflege am Bodensee nicht tätig? Wenn es zu Raubgrabungen [27] kam, warum griff Polizei und Justiz nicht ein? Gab es alte Seilschaften?
Kartei "Tote Wissenschaftler A-Z", Pfahlbaumuseum Unteruhldingen.
Quelle: polaristen.de / Tom Stern
Oder im Gegenteil: Druckmittel und Abhängigkeiten? Welche Rolle spielt die Personenkartei, die Reinerth seit seiner Zeit im "Amt Rosenberg" zu allen deutschen Prähistorikern angelegt hatte [28] und die die alten Kameraden und Konkurrenten potenziell schwer belasten konnte? Antworten auf solche Fragen dürfte wohl vor allem das Archiv des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen, das auch den Nachlass von Hans Reinerth verwaltet, vorhalten. Auch und gerade im Zusammenhang mit dem aktuellen Museumsneubau in Unteruhldingen und der damit verbundenen musealen Neukonzeption bleibt eine Aufarbeitung des Archivs durch einen unabhängigen Zeithistoriker ein wichtiges Erschließungsdesiderat [29]und eine zentrale Forderung eines langjährigen Mitgliedes des Pfahlbauvereins.

Staufen im Breisgau, im Dezember 2023, Martin Mainberger

1 R. Bollmus, Das Amt Rosenberg und seine Gegner. Studien zur Zeitgeschichte (Stuttgart 1970); M. Kater, Das "Ahnenerbe" der SS 1933-45. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches (Stuttgart 1974; 4. Auflage Oldenbourgverlag 2006)

2 Werner Lustenberger, Wahr ist, was uns nützt! Zur Urgeschichte im Dienst der Nationalsozialisten. Argovia: Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau 124 (2012), 100. https://doi.org/10.5169/seals-391287

3 Michael Strobel, Hans Reinerth und Gustav Riek – Modernitätsflüchtlinge in einer ungewissen Wissenschaft. Arbeits- und Forschungsberichte zur Sächsischen Bodendenkmalpflege 45, 2003, 449. https://www.academia.edu/7441304/Hans_Reinerth_und_Gustav_Riek_Modernit%C3%A4tsfl%C3%BCchtlinge_in_einer_ungewissen_Wissenschaft_Arbeits_und_Forschungsberichte_zur_S%C3%A4chsischen_Bodendenkmalpflege_45_2003_443_461

4 Gunter Schöbel, Hans Reinerth, (1900 – 1990) – Karriere und Irrwege einses Siebenbürger Sachsen in der Wissenschaft während der Weimarer Zeit und des Totalitarismus in Mittel- und Osteuropa Acta Siculica 2008, 154. https://www.yumpu.com/de/document/read/8537040/hans-reinerth-1900-1990-karriere-und-irrwege

5 z.B. das "Nordische Haus" in Hügel 2, Zigiholz, Nekropole Sarmensdorf CH - Lustenberger 2012 (Anm. 2), 104 und 111. - zur "germanischen Stammesburg" auf dem Odilienberg / Elsaß vgl. z.B. A. Bräuning, Gustav Adolf Rieth, Geograf, Bildhauer, Prähistoriker, Landeskonservator und Denkmalpfleger - ein etwas anderer Nachruf. Alemannisches Jahrbuch 2021/2022, 241 sowie Strobel 2003 (Anm. 3), 459).

6 Schreiben Reinerth an Rosenberg am 25.3.1932, zit. n. Schöbel 2008 (Anm. 4), Anm. 66.

7 Schöbel 2008 (Anm. 4), 159.

8 Schöbel 2008 (Anm. 4), 167.

9 Lustenberger 2012 (Anm.2), 107.

10 Strobel 2003 (Anm. 3), 443; Schöbel 2008 (Anm. 4), 168.

11 Schöbel 2008 (Anm. 4), 168.

12 vgl. z.B. Norbert Frei: Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit. (München 2012).

13 https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/Publikationen/Publikationsreihen/PolizeiUndForschung/Sonderband2011SchattenDerVergangenheit.pdf.

14 Klaus-Detlev Godau-Schüttke, Von der Entnazifizierung zur Renazifizierung der Justiz in Westdeutschland (6. Juni 2001), in forum historiae iuris, https://forhistiur.net/2001-06-godau-schuttke.

15 Schöbel 2008 (Anm. 4), 168.

16 Schöbel 2008 (Anm. 4), ebd.

17 Strobel 2003 (Anm. 3), 443; Schöbel 2008 (Anm. 4), 145.

18 Lustenberger 2012 (Anm. 2), 105; zuletzt: G. Schöbel, 100 Jahre Begeisterung für eine Idee. Plattform 30/31, 2021-22, Abb. 21.

19 vgl. Publikationsliste Schöbel.

20 vgl. G. Schöbel, Die Pfahlbauten von Unteruhldingen. Teil 2: Die Zeit von 1930 - 1935, 28 mit Schöbel 2023 (Anm. 18), 39; Lustenberger 2012 (Anm. 2), 105. Ich selbst (M. Mainberger) habe noch in den 1980-er Jahren Texte und Inhalte zu "nordischen" und "westischen" "Kulturen" gesehen.

21 G. Schöbel, Spätbronzezeit am Bodensee. Taucharchäologische Untersuchungen in Hagnau und Unteruhldingen 1982 - 1989. Siedlungsarchäologie im Alpenvorland IV (Stuttgart 1996), 23.

22 G. Schöbel, Frühe taucharchäologische Untersuchungen im Verband der Deutschen Sporttaucher. Ein Rückblick auf die 1950er Jahre. Skyllis 14. Jg. 1914/2, Abb. 6; Abb. 13. Hier (S. 185) wird das Gründungsjahr der "Forschungsgruppe" mit 1954 angegeben. Schöbel 2008, 169 gibt 1956 als Gründungsjahr an.

23ebd. 184.

24 www.vdst.de/ueber-uns/ansprechpartner/praesidenten-ehrenmitglieder/

25 H. Schlichtherle, Pfahlbauten rund um die Alpen. In: H. Schlichtherle (Hrsg), Pfahlbauten rund um die Alpen (Stuttgart 1997), 8.

26 Irenäus Matuschik, Adalbert Müller, Befunde der taucharchäologischen Untersuchungen 1978 - 2012 in Sipplingen. In: Die Pfahlbausiedlungen von Sipplingen - Osthafen am Bodensee I. Befunde und dendrochronologissche Untersuchungen Band 1. Siedlungsarchäologie im Alpenvorland XV (Wiesbaden 2023), 25.

27 ebd.

28 Lustenberger 2012 (Anm. 2), 106; Schöbel 2008 (Anm. 4), 160 und Anm. 102.

29 Vgl. z.B. den Nachlass E. Wahle in der internationalen Datenbank für Nachlässe, Autographen und Verlagsarchive Kalliope, die zahlreiche Prähistoriker-Nachlässe erschließt.

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